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Das Büro als Bewegungsraum

Der allgegenwärtige Bewegungsmangel gilt inzwischen als Hauptursache für fast alle Zivilisationskrankheiten. Nachdem die Ergonomie von Gebäuden, Prozessen und Einrichtungen vor allem auf physiologische Entlastung ausgelegt wurden, ist jetzt ein Umdenken gefordert: Nicht noch mehr Entlastung, sondern im Gegenteil mehr Bewegung ist das neue Gebot für die Planung, Einrichtung und Organisation gesunder Büroarbeitswelten.

Obwohl wir biologisch eigentlich Hocker, Steher, Läufer und Lieger sind, ist uns das Sitzen zur „zweiten Natur“ geworden. Ob zu Hause oder bei der Arbeit, vor dem Fernseher, beim Essen oder im Theater – nichts ist für uns selbstverständlicher, als überall und jederzeit zu sitzen. Selbst die Mobilität findet weitestgehend im Sitzen statt. Mit gravierenden Schäden für Volkswirtschaft und Unternehmen. Bis 2004 nahmen die krankheitsbedingten Fehltage ab, seitdem steigen sie wieder deutlich an mit Schwerpunkt auf Rückenbeschwerden und depressiven Erkrankungen. Und inzwischen ist es auch in der breiten Öffentlichkeit und in den Betrieben angekommen: Nicht nur „Rücken“ sondern viele weitere Störungen des Stoffwechselsystems werden mit besonders bewegungsarmen Arbeitsstilen in Verbindung gebracht. 


Die neuen Erkenntnisse aus der Gesundheitsforschung unterstreichen die vitale Bedeutung von physischer Aktivität für die Stoffwechselprozesse. Weil Kalorienknappheit in der Evolution der Normalfall war, bewegt man sich jedoch nur, wenn es unbedingt sein muss, um die wertvollen Kalorien für den Ernstfall zu sparen. Das erklärt die „natürliche“ Bewegungsfaulheit, die durch den technologischen Fortschritt zum komatösen Bewegungsmangel geworden ist: Gebäudeautomation und Digitalisierung maximieren Erreichbarkeit (und mentale Dauerbelastung) und minimieren gleichzeitig den Bewegungsraum, der zu ihrer Bedienung erforderlich ist. 


Anstatt bei der Gebäudeplanung beispielweise in immer effizientere Aufzugstechnologien zu investieren, könnten attraktiv gestaltete Treppen gleich doppelten Nutzen bringen: weniger Aufzugsfahrten mit entsprechend reduziertem Energieverbrauch und gleichzeitig eine erwünschte Erhöhung der biologischen Stoffwechselrate durch das Treppensteigen. Und ganz nebenbei werden mit der Bewegung auch die für sozialen Zusammenhalt und Wissenstransfer wichtigen Begegnungen gefördert. 


Das Zentrum für Gesundheit an der Deutschen Sporthochschule Köln geht davon aus, dass inzwischen über 80 Prozent der Rückenschmerzen nicht durch Überlastung sondern durch körperliche Unterforderung verursacht sind. Die Muskulatur bildet sich zurück und der gesamte Skelett- und Gelenkapparat wird destabilisiert. Stressforscher sehen in der mentalen Überlastung bei gleichzeitiger körperlicher Unterforderung eine besonders kritische Kombination: Bei Stress werden Hormone und Neurotransmitter ausgeschüttet, die den Organismus in Alarmbereitschaft und die Muskulatur unter Spannung setzen. Wird diese Disposition nicht in Bewegung umgesetzt, kommt es zu dauerhaften Schädigungen des Stoffwechselsystems bis hin zu depressiven Störungen und Burnout-Syndrom. Die Förderung körperlicher Aktivität durch entsprechend gestaltete Raumprogramme und Erschließungszonen hat dadurch direkte, positive Auswirkungen auf Mitarbeitergesundheit und betriebliche Performance. 


Unternehmen investieren oft viel Geld im „Betrieblichen Gesundheitsmanagement“, um Mitarbeiter zu mehr Bewegung zu animieren. Das beginnt bei mehr Bewegung am Schreibtisch, führt über Besprechungen im Stehen und körperliche Aktivierung bei Workshops und Seminaren bis zur bewussten Wegeverlängerung oder zur beschränkten Aufzugsnutzung. Neue Bürokonzepte stellen deshalb nicht mehr den festen Arbeitsplatz sondern den Umgebungswechsel in den Mittelpunkt: Denkerzelle, Meetingraum, Lounge, Café, Bibliothek, Projektbüro, Pausenzonen … 


Im Verständnis von Gebäuden als Bewegungsräumen liegt einer der wichtigsten Schlüssel für gesunde, attraktive und leistungserhaltende Bürokonzepte! 

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Journalist

Nicole Bitkin

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