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Prof. Dr. Karl M. Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité HEALTHCARE

"Mein Krankenhaus wird smart, mein Arzt auch?" – Prof. Dr. Karl M. Einhäupl

Digitale Prozesse verändern den Alltag im Krankenhaus wie auch bei der medizinischen Versorgung. Professor Doktor Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité – Universitätsmedizin Berlin, warnt vor zuviel Angst.

„Der Austausch von Gesundheitsdaten stellt sehr hohe Anforderungen an den Datenschutz, das ist unbestritten.“

Der ärztliche Zeigefinger mahnt uns schon wieder auf unserem Smartphone: die täglichen 3.000 Schritte sind heute noch fällig! Bereits 16 Prozent der Deutschen haben Gesundheits-Apps wie diesen Schrittbefehler heruntergeladen, völlig freiwillig übrigens, und über ein Drittel der Bevölkerung interessiert sich dafür. Doch Apps auf unserem mobilen Gerät schaffen weitaus mehr als uns nur zum täglichen Bewegen zu animieren: die dem menschlichen Auge hoch überlegene Kamera könnte beispielweise verdächtige Hautveränderungen fotografieren und diese Fotos innerhalb von Sekunden an Experten senden. Anstatt wie bisher acht Wochen auf einen Termin beim Hautarzt zu warten, wüsste man innerhalb kürzester Zeit, ob der kleine Fleck ein Tumor ist oder nur eine dunkle Sommersprosse. Eine Zukunftsvision? Noch verbietet Paragraph 7 der Berufsordnung der deutschen Ärzte rein virtuelle Sprechstunden, doch in anderen Ländern sind diese bereits an der Tagesordnung.

„In Deutschland haben wir generell eine große Aversion gegen Datenaustausch“, sagt Professor Doktor Karl Max Einhäupl, Vorstandsvorsitzender der Charité. „Der Austausch von Gesundheitsdaten stellt sehr hohe Anforderungen an den Datenschutz, das ist unbestritten. Auf der anderen Seite bringt der Datenaustausch dem Patienten große Vorteile – doch die Sorgen darüber verhindern ein Vorankommen. Dabei ist die IT-Facility eine unverzichtbare Zukunftsvoraussetzung für jedes Krankenhaus.“ Denn im Krankenhaus selber hat die Digitalisierung schon lange Einzug gehalten und erleichtert Ärzteschaft, Pflege- und Verwaltungspersonal die tägliche Arbeit.

Im administrativen Bereich betrifft die Veränderung die Überstellung der Daten an die Krankenkassen und die Aufarbeitung von Statistiken. „Wir befinden uns bereits auf dem Weg zu einem „Smarten Krankenhaus“, sind also heute in der Lage, Daten aus den verschiedenen Bereichen zusammenzuführen“, sagt der vielbeschäftigte Professor. So werden zum Beispiel Bilder aus der Radiologie, die Ergebnisse des EEG aus der Neurologie, und die Messungen des EKG aus der Kardiologie zusammengebracht und bei der Visite auf dem Tablet hochgeladen und besprochen. Zum gläsernen Patienten mutiert dennoch niemand: Nur die Ärzte der jeweiligen Station können auf die Daten zugreifen, jedes Einloggen wird registriert. Werden diese Daten digital versendet, spricht man von Telemedizin. „Die Telemedizin bietet die Möglichkeit, auch in Gegenden, wo es keine Experten gibt, Expertise einzubringen“, so der Vorstandsvorsitzende von Deutschlands renommiertester Klinik. Das kann sogar kontinentübergreifend geschehen, wie derzeit von Frankfurt aus ins 12.000 km entfernte Sultanat Brunei, wo Schlaganfallpatienten bisher immer nach Singapur geflogen werden mussten. Nun werden die dort fehlenden Neurologen per Tablet in Frankfurt kontaktiert und die Patienten vor Ort behandelt. In der Charité laufen verschiedene Projekte, bei denen Patienten „digital“ versorgt werden: Neben „SOS Sea and Offshore Safety“ für die Arbeiter auf Offshore-Windkraftanlagen existiert das „FONTANE-Projekt“, ein telemedizinisches Frühwarnsystem für chronisch Herzkranke. Die „digitale Visite“ und das „MACCS-Projekt“ fördern den besseren Austausch und schnelleren Zugriff auf Patientendaten. Auf der Intensivstation hilft die „e-Curve“ bei Diagnose und Behandlung. Die Allianz „Smart Senior“ möchte die Selbstständigkeit im Alter gewährleisten. Sehr hilfreich ist das „Stroke-Einsatz-Mobil“, ein Krankenwagen, in dem sofort mit der Behandlung von Schlaganfallpatienten begonnen werden kann.

In verschiedenen Bundesländern laufen Pilotprojekte mit „Tabletkonsultationen“, die dem Arzt lange Autofahrten ersparen und den Patienten Sicherheit durch schnelle Kontaktaufnahme geben. Wozu eine Stunde lang Auto fahren, nur um ein Rezept auszustellen? Der gravierende Ärztemangel in vielen ländlichen Regionen wird diese virtuelle Art der Konsultation vielleicht bald alltäglich werden lassen.

Doch smarte Medizin reicht viel weiter: „Schon bald wird man für wenig Geld sein Genom analysieren lassen können. Kommen dann noch Patientendaten dazu, braucht man riesige, sichere Datenautobahnen und gigantische Speicherkapazitäten“, erklärt der Chef der Charité. „Diesen modernen Datensatz müssen wir in Echtzeit etablieren.“ Denn beinahe alle Erkrankungen haben in irgendeiner Form eine genetische Ursache und mit Kenntnis des Genoms sind sie viel besser behandelbar. Aus den Datensätzen lässt sich der Phänotyp des Patienten ableiten und daraufhin personalisierte Medikamente verschreiben. „Diese Präzisionsmedizin lässt sich nur anhand großer Datenmengen entwickeln“, sagt der zukunftsbegeisterte Professor Einhäupl. „Ich gehe davon aus, dass das in einer Dekade möglich sein wird.“

Bis dahin müssen wir leider weiterhin Tabletten schlucken, von denen wir nicht wissen, ob sie im Geringsten helfen. Und acht Wochen lang auf einen Termin warten.

Fakten

Fakten

Prof. Dr. Karl M. Einhäupl, geb. 1947 in München. 1974 Medizinstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München absolviert, 1992 Berufung auf den Lehrstuhl für Neurologie an der Medizinischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin, 2004 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, seit 2008 Vorstandsvorsitzender der Charité.

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Journalist

Katja Deutsch

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