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Online- Sprechstunden werden die Zukunft sein

Die Digitalisierung wird die Gesundheitsversorgung revolutionieren. Zum Vorteil der Patienten. Doch Themen wie der Datenschutz müssen noch geklärt werden. 

Die Telemedizin kann nur positive Effekte erzielen, wenn sie als Ergänzung zur Präsenzmedizin dient, nicht als Konkurrenz.

Telemedizin, E-Health, Smart-Hospital – Diese Begriffe werden für ein Mega-Thema in der Medizin verwendet. Experten wie Prof. Burkert Pieske, Klinikdirektor und Facharzt für Innere Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie an der Berliner Charité und seine Mitarbeiter arbeiten daran, neue Technologien zu nutzen, damit Patienten und Mediziner von ihnen profitieren können.

Im Zuge der Digitalisierung sind in der Medizintechnik zahlreiche Projekte erfolgreich umgesetzt worden. Doch vieles befindet sich wie in einem weltweit agierenden Zukunftslabor noch in der Entwicklung.

Im Rahmen des Forschungsprojektes „Fontane“ entwickelten Mediziner zum Beispiel ein telemedizinisches Frühwarnsystem für die Betreuung von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. Rund 1,8 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter einer Herzschwäche.

Den Patienten werden dabei eine Waage, ein Blutdruckmessgerät und ein EKG-Messgerät zur Verfügung gestellt, mit denen sie täglich ihre Daten von zu Hause aus messen können. Diese Werte gelangen über Bluetooth zu der Kommunikationsplattform PhysioGate und anschließend über Mobilfunk in das Telemedizinzentrum (TMZ) der Charité.

Die Messwerte werden von einem fachärztlichen Team ausgewertet. In einer elektronischen Patientenakte sind neben den täglichen Messwerten Daten zum Patienten aufgeführt, wie z.B. Krankheitsgeschichte und Medikation.

Der Vorteil hierbei: Bei Auffälligkeiten kann sofort reagiert werden. Der Patient kann kontaktiert werden, symptomorientierte Maßnahmen können eingeleitet werden und im Notfall kann direkt ein Rettungswagen alarmiert werden. 

Die Zusammenarbeit mit niedergelassenen Haus- und Fachärzten wird aber weiterhin eine große Rolle spielen. „Die Telemedizin kann nur positive Effekte erzielen, wenn diese als Ergänzung zur Präsenzmedizin dient und nicht als Konkurrenz gesehen wird“, so Pieske. Es gehe um die technische Unterstützung der ärztlichen Tätigkeit.

„Es ist außerdem besonders wichtig, Spitzenmedizin in dünn besiedelte Gebiete zu bringen“, betont Pieske. Denn Tatsache ist, dass immer weniger Ärzte auf dem Land arbeiten wollen. Künftig könne der Patient zum Beispiel online mit einem Mediziner kommunizieren, anstatt in eine weit entfernte Stadt fahren zu müssen.

In einem Krankenhaus stehen wiederum andere Probleme rund um das Thema Digitalisierung im Vordergrund. „Die voll elektronische Patientenakte ist auf dem Weg, aber noch nicht Realität“, weiß Pieske aus der täglichen Klinik-Praxis zu berichten. Allein in der Charité-Kardioambulanz werden am Tag 200 EKGs erstellt und diese große Datenmenge kann bisher nur mit viel Zeitaufwand digitalisiert werden.

Somit liegen die Patientenunterlagen bei der ärztlichen Visite zum Teil noch in Papier und ein weiterer Teil wie die Laborbefunde digital vor.

Ein weiteres Problem ist der Datenschutz: Wie kann man sicherstellen, dass digitale Patientenakten nicht in falsche Hände gelangen? „Die Datenübermittlung muss sicher sein. In einer Klinik kann der Datenschutz intern gut geregelt werden“, so Pieske. 

Probleme können auftreten, wenn ein Patient mit Beschwerden in die Praxis eines niedergelassenen Arztes kommt. Der behandelnde Arzt nimmt Untersuchungen vor und überweist den Patienten in eine Spezialklinik. Die Daten werden mit einem Code ins Krankenhaus übermittelt. Hier gilt es, die Sicherheitssoftware auf dem neuesten Stand zu halten.

Die jüngere Generation nutzt Gesundheits-Apps und Gesundheitsuhren wie die Apple Watch und dokumentiert ihre Daten ganz selbstverständlich. Noch können diese Apps allerdings mit den IT-Systemen von Krankenhäusern nicht verbunden werden. 

Im Rahmen der zunehmenden Digitalisierung im Gesundheitswesen wird sich auch die Patientenakquise für Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte verändern. Wenn zum Beispiel, die in der Gesundheits-App dokumentierten Blutzuckerwerte außerhalb der Norm liegen oder wenn eine Gewichtszunahme bei herzinsuffizienten Patienten stattfindet, wird automatisch ein neuer Termin vereinbart.

Viele der Gesundheitsdaten gelangen allerdings automatisch auf die Server der global agierenden Anbieter. „Als Mediziner sind wir nicht sicher, ob wir das wollen“, sagt Klinikchef Pieske.

Eines steht fest: Die Digitalisierung wird unaufhaltsam voranschreiten und die Telemedizin hilft, auch abseits der Metropolen die medizinische Versorgung zu gewährleisten. Experten gehen davon aus, dass in fünf bis zehn Jahren Online-Video-Sprechstunden in ländlichen Gebieten weit verbreitet sein werden.

Fakten

Univ.-Prof. Dr. med. Burkert Pieske, Jahrgang 1961, ist Direktor der Klinik für Innere Medizin mit Schwerpunkt Kardiologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und Direktor der Klinik für Innere Medizin und Kardiologie, Deutsches Herzzentrum Berlin. Seine klinischen Schwerpunkte liegen in den Bereichen Herzinsuffizienz, Intensivmedizin und Interventionelle Kardiologie.

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Journalist

Helge Stroemer

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